Die Freude der Jungs über das gemeinsame Grillen im Jugendgefängnis Hahnöfersand ist riesig: „Oah Digger, die haben Butter!“ alarmiert einer seinen Zellengenossen als wir die Zutaten auspacken. Wir starten mit der Aufgabenverteilung für das gemeinsame Grillen: „Wer will das Fleisch zubereiten?“. „Hier, Serkan ist Metzger!“, schlägt einer in der Gruppe vor. Die anderen lachen. Der „Metzger“ nimmt den Vorschlag geschmeichelt an. Als ich mit Serkan in der Küche das Fleisch klein hacke, frag ich ihn, ob er Metzger war und bekomme nüchtern die Antwort erklärt: „Nee, ey ich hab das erst jetzt gepeilt, dass das ein blöder Witz war. Ich hab nur auf jemanden mit ner Axt eingeschlagen. Deswegen.“
Mohammed kommt in die Küche und murmelt etwas. Ich verstehe ihn kaum, weil er so nuschelt und wie auf Drogen wirkt. Seine Augen sind glasig und die Lider hängen schwer runter. Als ich ihn darauf anspreche antwortet er: „Ich hab Beruhigungstabletten genommen, damit ich wegen Ihnen nicht so aufgedreht bin“, antwortet er und flüchtet wieder. Als er nach einer Weile wiederkommt, fragt er, wie er helfen könne. Ich gebe ihm die Aufgabe, das Brot zu schneiden. Er packt es aus und schreit: „Oh mein Gott, das ist ja persisches Fladenbrot!“. Er schließt die Augen, führt das Brot langsam an seine Nase und atmet das Aroma tief ein. „Oah, Sie wissen nicht, wie lange das her ist, dass ich das gegessen habe! Fragen Sie meine Mutter, wie ich das vermisse. Das muss ich ihr erzählen!“.
Mir geht das Herz auf. Ich hatte extra noch früher Feierabend gemacht, um das persische Fladenbrot vorher einkaufen zu können und denke mir in dem Moment, dass sich jede investierte Minute für diese Begeisterung gelohnt hat. Beim Brotschneiden muss ich Mohammed darauf hinweisen, dass er mehr schneiden als naschen soll.


Nun geht es an die Marinade für das Grillfleisch. Als Vegetarier bin ich eigentlich kein Fan von Grillen und kenne mich dementsprechend wenig aus mit Zubereitungen für Grillfleisch. Die Jungs scheinen auch noch nie Fleisch mariniert zu haben. Wir improvisieren ein wenig und mixen eine Marinade bis einer abschließend salzen soll; nur denkt er dabei anscheinend leider daran, wie er zuletzt das Nudelwasser salzte.
Die Marinade ist hin. Wir fangen von vorne an. Diesmal salzt jemand anderes.
Einem weiteren gebe ich die Aufgabe, Knoblauch zu schneiden. Er verschwindet daraufhin erstmal wortlos und taucht dann wieder mit Gummihandschuhen auf: „Damit meine Hände nicht so riechen“, kommentiert er. Mit den Handschuhen dippt er in die fertige Soße und lässt seine Finger von den anderen zum Probieren abschlecken.
Mohammed füllt ein kleines Stück Fladenbrot und führt es liebevoll in den Mund eines seiner Zellengenossen: „Hier, das musst du probieren.“
Wir bringen das fertig zubereitete Essen nach draußen an den Grilltisch. Ich bin beeindruckt von dem gedeckten Holztisch draußen, den die anderen aus der Kochgruppe zwischenzeitlich schick hergerichtet haben mit einer Tischdecke, welche der Abteilungsleiter extra für uns besorgt hatte. Das andere Zubereitungsteam hat gebackenen Reis mit Minze und Granatapfel-Oliven-Salsa gezaubert und kunstvoll dekoriert. Das Besteck ist für jeden auf Servietten bereit gelegt. Eigentlich find ich ja Servietten überflüssig und verwende die nie, aber so draußen im Knast macht das doch
richtig was her. Die Jungs lassen sich das Fleisch auf der Zunge zergehen: „Oah heute ist das Highlight meiner gesamten Knastzeit.“
Mohammed stopft Zigaretten und verteilt die an ein paar Jungs. Die angezündete Zigarette wird reihum weitergereicht, bis jeder einmal gezogen hat.
Beim Essen ist der sonst sehr aufgedrehte Mohammed schweigsam und klagt über Lungen- und Kopfschmerzen und dass er kaum Luft kriege, weil seine Nase durch die Tabletten verstopft sei, wodurch ihm das Essen schwer fiele. Nun will ich es genauer wissen und frag, ob er so stark ADHS habe, dass er diese Tabletten nehmen müsse. „Ja auch“, murmelt er. Ein anderer in der Runde klärt auf, dass Mohammed die Tabletten wegen seiner Suizidgedanken nehmen müsse. Ich schaue erst verdutzt, aber rede mir dann ein, dass das wieder nur ein blöder Scherz sein muss. Doch er führt weiter aus: „Er hat sich in seiner Zelle erhängt und ich bin gerade zufällig rein und hab ihn noch schnell aus der Schlinge gehoben. Den Anblick werde ich nie vergessen.“ Ich schau Mohammed an. Er blickt auf den Boden und sagt nichts dazu. Mein Sitznachbar am Tisch flüstert mir verständnislos zu: „Mohammed tut so als wäre er 3 Jahre hier, dabei hat er nur 1,5 Jahre bekommen und wird in 2 Monaten entlassen“. Mein Sitznachbar hat 3 Jahre bekommen, weil er einen Raub beging, um einen Urlaub mit seiner Freundin bezahlen zu können. Ich spreche mit ihm über Resilienz bzw. Umgang mit Gefühlen und im Laufe des Gesprächs bringt er dann doch mehr Verständnis für Mohammeds Gefühlszustand auf.
Die Runde lässt sich von dem Suizidthema nicht runterkriegen und albert munter weiter rum. Als mich einer fragt, welche Partei ich bei der kommenden Bundestagswahl wählen werde, antworte ich, dass ich das erste mal überlege, ob ich nicht wählen gehe. „Was, dann kriegt die AfD mehr Stimmen“, bekomme ich Kritik von den Jungs. „Ich wähle die AfD – Ausländer für Deutschland“ kommt wieder ein Sprücheklopfer von nebenan.


Als ich einen der Jungs Mohammed unter seinem „Künstlernamen“ rufen höre, wird mir klar, dass mir der „Künstlername“ schon mal begegnet ist: In dem H-Sand Schreibprojekt „Haftnotizen“. Ein tolles Projekt, bei dem eine Journalistin nach H-Sand kommt und mit den Jungs Texte für die Öffentlichkeit produziert. Die Texte werden unter Pseudonymen veröffentlicht. Nun ist mir bewusst, dass die melancholischen Texte von Mohammed waren. Als ich von einem Sprücheklopfer erfahre, dass er auch bei den Haftnotizen mitschreibt, bin ich doch ein wenig überrascht. Ich erinnere mich an die tiefsinnigen Texte unter seinem Pseudonym. Andere wollen nun auch bekannt geben, dass sie bei den Haftnotizen als Autoren mitwirken. Bei einem wundert es mich nicht bzw. ich hatte es mir von den Inhalten her schon gedacht. Die Geschichten passten zu ihm. Er macht sich
viele Gedanken über Krieg und ist oft in sich gekehrt und gesellschaftskritisch. Ein schlauer Kerl, der gerne schreibt und liest. In 3 Monaten wird er entlassen und weiß nicht, wo er arbeiten soll. Mit Schreiben könne er schwer Geld verdienen. Beim Übergangsmanagement habe er sich schon für alle Unterstützungsmaßnahmen zur Arbeits- und Wohnungssuche anmelden wollen, aber ihm wurde entgegnet, dass er ja noch genug Zeit habe und erstmal andere dringender dran seien. Jetzt sorgt er sich, dass er sich erst draußen um einen Ausbildungsplatz kümmern kann. Ich frage ihn, ob er sich auf seine Entlassung freut. Er zuckt mit den Schultern und fragt: „Warum sollte ich?“.


Zum Abschluss des Tages bekommen wir von den Jungs den „Frankfurter Applaus“ während sie sich mit einer Handfläche auf die Armbeuge klatschen. Den Insider verstehe ich wieder nicht und frage nach, was es damit auf sich habe. „Na in Frankfurt spritzen sich doch so viele…“
Mohammed bedankt sich nochmal extra für das persische Fladenbrot.
Der Tag ist schnell um und ich bin froh, Teil einer so tollen engagierten Kochgruppe zu sein, die 14 Jungs für einen Tag so glücklich machen konnte.


Zuhause denke ich über meinen vergessenen Luxus nach, Butter und persisches Fladenbrot jederzeit genießen zu können.

Adina Cho